"Stay Jewish Tag 3 – Abseits der kulturellen Trampelpfade: Ein Abschlussbericht mittendrin"
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Samstag, 24. April 2010 um 12:48 Uhr
„Viel Herz, viel Schmerz und einige Lieder.“ Diese Worte stellte Dr. Davidowicz vor die Filmsichtung des dritten Stay Jewish-Abends einfach in den Raum. Selbst jene Zuschauer, die sich auch nur ein wenig mit jüdischen Kunstformen auseinandergesetzt haben, ahnen schon, was auf sie zu kommt: Ein jiddisches Melodrama. Doch die Europa-Premiere von Bar Mitzvah bot mehr als erwartet – und das leider für weniger als erwartet.
Der Ansturm auf die Türen und Tore, welcher noch am ersten Tag die Gemüter in Wallungen versetzt hat, wurde schon am Samstag abgemildert. Und dennoch konnten die beiden Horrorfilmchen den Kinosaal beinahe bis zur Gänze füllen. Und nun zur traurigen Billanz des letzten Abends der ersten Woche. Die melodramatische Ader der aus den 1930ern stammende Verfilmung des berühmten Stücks von Boris Thomashefsky schreckte sichtlich – zu Unrecht – große Teile des bisherigen Publikums ab. Nur die Hälfte konnte für die Aufführung am Sonntag gewonnen werden.
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Freitag, 23. April 2010 um 12:29 Uhr
Am zweiten Abend der Stay Jewish-Retrospektive gelang dem Jüdischen Filmclub Wien ein thematischer Quantensprung. Sowohl lokal als auch inhaltlich lösen wir uns gänzlich von dem Migrantenmilieu des New Yorks des vorletzten Jahrhunderts. Denn am Samstagabend stand alles unter dem Banner der Dämonen und Geister. Der Dybbuk suchte das ehrenwerte Haus in der Johannesgasse auf.
Doch gleich klärte Dr. Davidowicz, Universitätsprofessor an der Judaistik Wien und Mitbegründer des Jüdischen Filmclub Wiens, die Zuschauer auf, dass eigentlich der Dybbuk gar nicht erscheinen könnte. Dieses Wort heißt eigentlich nur „besessen von“ und ist einer Personifikation einer hebräischen Phrase. Und doch verfolgte uns der „Besessen von“ gleich zwei Mal in einem Horror-Double-Feature, welches an die besten Tagen des B-Movie-Kinos der 1970er erinnert.
"Stay Jewish Tag 1 - Kino im Umbau – Die Modernisierungsbestrebungen des Film Archiv Austrias"
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Donnerstag, 22. April 2010 um 22:40 Uhr
Vorgestern Abend begann die Retrospektive Stay Jewish - Vom Shtetl in die Lower Eastside und man muss gestehen, es herrschte eine äußerst merkwürdige Stimmung. Draußen lärmten noch die Lastwägen auf der Baustelle, welche direkt am Metrokino liegt, während im Haus selber man aus dem heimeligen Inneren des Kinosaals dumpf die jiddischen Gesänge bei der Probe mithören konnte. Und selber im Foyer, mitten in den Massen.
Doch diese Atmosphäre darf sich ruhig als intendiert und sogar erwünscht bezeichnen. Denn in dem Gedränge vor den Eingangstoren spürt man wahrlich jenes aufrichtige Gefühl, welches jährlich bei der Golliath-Konkurrenz aufkommt. Die ViENNALE lebt förmlich von dem filmsüchtigen Massen, die mit viel Ellbogeneinsatz ihre Lieblingsplätze erobern wollen. Doch auch der David der Filmfestivals, die einwöchige jüdische Werkschau, kann bei ihrem Auftakt in dieser Hinsicht einen Volltreffer landen. Das Kino ist ausverkauft, die Atmosphäre im Saal einmalig.
"Stay Jewish - Koscherer Sex statt Kultur im Gleichschritt"
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Dienstag, 20. April 2010 um 20:30 Uhr
In den Vereinigten Staaten spürt man eine deutliche Veränderung im Umgang mit dem Korpus der jüdischen Kultur. Filmbeispiele wie A Serious Man, aber auch Sitcomhits wie The Big Bang Theory zeugen sowohl von einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Thematik, aber als auch einem oberflächlichen Zuschaustellen. Dass die aufgeschlossene Filmnation Frankreich schon seit Dekaden eine Vorreiterstellung einnimmt, muss nicht erst betont werden. Doch in unseren Längenkreisen verweilt der jüdischer Film in einer traurigen Schattenexistenz. Zählte einst die österreichische Hauptstadt, gerade wegen ihrer kulturellen Vielfalt, zu den wichtigsten Schauplätzen des Kulturschaffens der westlichen Welt, leidet die jüdische und jiddische Kultur in Wien momentan an einer absoluten Marginalisierung. Möge das Judentum notgedrungen wenigstens im 2. Weltkriegsfilm, wie zum Beispiel Oscargewinner Die Fälscher dies tat, minimal thematisiert werden, versickern die Kenntnisse des Wiener Gois in ein bedenkliches Vakuum.
Neu und provokativ, vertraut aber nicht in Vergessenheit geraten, bewegte Bilder jüdischer Lebenswelten von Sydney bis New York: So sind die Filme, die im Rahmen des neu gegründeten Jüdischen Filmclubs Wien vorgestellt werden. Er ist eine Initiative von Bella Makagon (Moadon – Club junger jüdischer Erwachsener), Prof. Frank Stern (Visuelle Zeit- und Kulturgeschichte am Institut für Zeitgeschichte) und Prof. Klaus Davidowicz (Institut für Judaistik, beide Universität Wien). Zum Auftakt am 16. November wurde der Film „Männer sind auch nur Frauen“ (Frankreich 1998, Regie: Jean-Jacques Zilbermann) gezeigt. Das Wiener Metro Kino war bis zum letzten Platz gefüllt.
Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln. Nur mit Humor lassen sich ernsthafte Familienprobleme, auch wenn sie ungelöst bleiben, entspannt betrachten. So werden Grenzen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft abgebaut. Das ist wohl auch die Botschaft dieses Filmes, einer Liebeskomödie mit etwas anderen Vorzeichen.