"Stay Jewish - Koscherer Sex statt Kultur im Gleichschritt"
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Dienstag, 20. April 2010 um 20:30 Uhr
In den Vereinigten Staaten spürt man eine deutliche Veränderung im Umgang mit dem Korpus der jüdischen Kultur. Filmbeispiele wie A Serious Man, aber auch Sitcomhits wie The Big Bang Theory zeugen sowohl von einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit der Thematik, aber als auch einem oberflächlichen Zuschaustellen. Dass die aufgeschlossene Filmnation Frankreich schon seit Dekaden eine Vorreiterstellung einnimmt, muss nicht erst betont werden. Doch in unseren Längenkreisen verweilt der jüdischer Film in einer traurigen Schattenexistenz. Zählte einst die österreichische Hauptstadt, gerade wegen ihrer kulturellen Vielfalt, zu den wichtigsten Schauplätzen des Kulturschaffens der westlichen Welt, leidet die jüdische und jiddische Kultur in Wien momentan an einer absoluten Marginalisierung. Möge das Judentum notgedrungen wenigstens im 2. Weltkriegsfilm, wie zum Beispiel Oscargewinner Die Fälscher dies tat, minimal thematisiert werden, versickern die Kenntnisse des Wiener Gois in ein bedenkliches Vakuum.
Dass dieser Stand der Dinge nicht gottgewollt ist, sondern vielmehr ein Produkt eines bewussten und unbewussten Verdrängens, zeigt ein Kontingent Wiens wichtigster Persönlichkeiten der jüdischen Kunst und Kultur. Ob nun kinematografische Analysen zur Shoah-Beschäftigung Ruth Beckermanns oder auch die Widerbelebung jüdischer Theaterformen unter Initiative Dr. Dalingers – oder auch die Zusammenstellung einer jüdischen Filmwerkschau. So wollen wir die heute beginnende Retrospektive Stay Jewish vom Jüdischen Filmclub Wien mit dem Filmarchiv Austria als einen kleinen, aber bedeutenden Meilenstein im jüdischen Kulturschaffen Wiens betrachten. Der Untertitel verrät schon das Paradigma, unter welchem die Zusammenstellung der Filme geordnet wurde: Vom Shtetl in die Lower Eastside. Die drei Kuratoren und Gründer des Jüdischen Filmklubs Wien, Dr. Frank Stern, Dr. Klaus Davidowicz und Bella Makagon, wollen mit ihrer kleinen, aber feinen Filmwahl die große Vielfalt des filmischen Schaffens des Judentums im 20. Jahrhundert widerspiegeln, welches von hohlem B-Movie-Horror über tiefgreifende Dramen bis hin zu bissigen Westernkomödien reicht.
Anfangen wird Stay Jewish am Donnerstag, den 22.4., mit dem Oscar nominierten Drama Hester Street, welches sich im Immigranten-Milieu New Yorks des ausklingenden 19. Jahrhunderts beschäftigt. In emotionalen und trotzdem dokumentarischen Bildern portraitiert die amerikanische Regisseurin Joan Micklin Silver die Haskalah-Zeit und den Aufbruch in eine andere Welt.
Nach einer kleinen Verschnaufpause geht das Festival am Samstag mit doppelter Kraft weiter: Im typischen Horror-Doublefeature stehen sich zwei sehr unkonventionelle Verwandte gegenüber: Die aus dem Jahr 1937 produzierte, polnische Fassung des Dybbuk von Michal Wasznskis und dessen 2009-Pendant von The Dark Knight-Autor David S. Goyer, The Unborn. Beides als Thema den chassidischen Geist – doch auf höchst unterschiedliche Weise.
Am Sonntag grabt der Jüdische Filmclub Wien tief in die Vergangenheit, um den ältesten Beitrag des Filmfests zu präsentieren: Bar Mitzvah vom Filmemacher Henry Lynn. Erst im Jänner 2010 wurde dieser amerikanische Film vom Brandeis Jewish Film Archive vollständig restauriert, sodass wir nicht nur in den Genuss kommen das jüdische Leben der 1930er in den Vereinigten Staaten zu betrachten, sondern auch einen Star des jiddischen Theaters im New York, Boris Thomashefsky, auf der Leinwand wieder zu erleben.
Der Letzte der New York-Filme, und auch der neueste der Werkschau, ist dann, am Montag, A Price without Rubbies aus dem Jahre 1998. In diesem portraitiert Regisseur Boaz Yakin den Kampf der orthodoxen Jüdin, welche sich im New York der Jahrhundertwende gegen eine traditionell patriarchalische Gesellschaft stellt.
Auch der bekannteste jüdische Stoff, die berühmte Geschichte vom Dramaturgen Scholem-Aleichem (Fiddler on the Roof), wird am vorletzten Tag zu sehen sein. Doch statt der berüchtigten Musicalfassung präsentiert Filmemacher Maurice Schwartz in Teyve nüchterne Schwarz-Weiß-Bilder, welcher der Stimmung und der Wirklichkeit des Lebens im zaristischen Russlands deutlich näher sind. Ein bedrückendes Drama.
Doch um mit einem kleinen Lächeln aus der Werkschau zu kommen, endet genau eine Woche nach Beginn, am 29.4., Stay Jewish mit der Westerngroteske The Frisco Kid von Regielegende Robert Aldrich. Ein humorvoller und liebevoller Blick sowohl auf das Genre des Western als auch auf die jüdische Kultur mit den Superstars Gene Wilder und Harrison Ford in den Hauptrollen.
Begleitet von Vorträgen und sogar einer Darbietung jiddischer Lieder verspricht Stay Jewish – Vom Shtetl in die Lower Eastside eine höchst interessante, aber auch amüsante Auseinandersetzung mit der jüdischen (Film-)Kultur zu werden. Und vielleicht erfüllt sich sogar Dr. Davidowicz’s Hoffnung, dass mit dem verstärkten Aufgreifen des jüdischen Films – nach langer Pause – auch wieder jüdisches Filmschaffen in Wien sich etablieren kann.
Das ganze Programm und genaue Zeitangaben sind auf den Webseiten des Filmarchiv Austria und des Jüdischen Filmklubs Wien zu finden. Alle Vorführungen finden im Metro Kino statt.