"Stay Jewish Tag 3 – Abseits der kulturellen Trampelpfade: Ein Abschlussbericht mittendrin"
Geschrieben von: Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Samstag, 24. April 2010 um 12:48 Uhr
„Viel Herz, viel Schmerz und einige Lieder.“ Diese Worte stellte Dr. Davidowicz vor die Filmsichtung des dritten Stay Jewish-Abends einfach in den Raum. Selbst jene Zuschauer, die sich auch nur ein wenig mit jüdischen Kunstformen auseinandergesetzt haben, ahnen schon, was auf sie zu kommt: Ein jiddisches Melodrama. Doch die Europa-Premiere von Bar Mitzvah bot mehr als erwartet – und das leider für weniger als erwartet.
Der Ansturm auf die Türen und Tore, welcher noch am ersten Tag die Gemüter in Wallungen versetzt hat, wurde schon am Samstag abgemildert. Und dennoch konnten die beiden Horrorfilmchen den Kinosaal beinahe bis zur Gänze füllen. Und nun zur traurigen Billanz des letzten Abends der ersten Woche. Die melodramatische Ader der aus den 1930ern stammende Verfilmung des berühmten Stücks von Boris Thomashefsky schreckte sichtlich – zu Unrecht – große Teile des bisherigen Publikums ab. Nur die Hälfte konnte für die Aufführung am Sonntag gewonnen werden.
Denn, was in Dybbuk manchmal doch ein wenig unfreiwillig komisch wirkte, setzt Bar Mitzvah bis ins Exzessive fort. Ergebnis, ein überdrehter Spaß. Ein wichtiger Teil des jiddischen Vor-Kriegs-Theater ist das Melodrama, welches sich an die gleichartie Theaterform anderer Kulturkreise anlehnt. Die Gestik wird bis ins Groteske überhöht. Die Dialoge verzerren das reale Leben. Die Theateradaption ist eine Hommage an die Emotionssucht des Menschen.
Wie auch schon zuvor bezüglich des Dybbuk erwähnt, sind jene Filme dieser vergessenen Epoche Spuren im Sand der Zeit. Einst abgetragen, gestaltet sich nun Bar Mitzvah als ein Portal in ein Denken der 1930er. Das Werk besitzt gerade aufgrund seiner Geschichte als verschollener Film – wurde es doch nach Dekaden diesen Januar zum ersten Mal in Jerusalem gezeigt – eine Quellenfunktion, die schon in seiner Materialität tatsächlich spürbar ist. Die rauen Kader knallen förmlich aneinander. Das Zelluloid selber malträtiert. Die Figuren springen unfreiwillig im Stile der Nouvelle Vague. Und so sind uns sogar – zum Teil – die Original-Untertitel erhalten, welche überraschen und interessieren: Wenn etwa das jüdische „Volk“ plötzlich als „race“ übersetzt wird, fallen wir mitten in andere, vergangene Mentalität.
Eine Abschlussbemerkung mittendrin
Zu Beginn der Werkschau meinte noch der Musiker Roman Grinberg, welcher am ersten Abend die Pianobegleitung für die jiddischen Lieder stellte, dass der Song „A Briefele der Mama“ nur für seine erste Strophe bekannt ist. Man könnte aber leider genau so gut, dieses oberflächliche Kennen auf die gesamte jüdische bzw. auch „scheinjüdische“ Kultur legen. Viele sehen hinter der Shoah-Beartbeitung, die einzige Form der Filmbearbeitung des Judentums. Wer Schindlers List und Das Leben ist schön zu den Hauptvertretern des jüdischen Filmkorpus erklärt, zeugt nicht nur von seiner Nichtbildung, sondern ebenso von seiner Blindheit.
Die oberste Schicht der neusten, populären Vertreter des jüdischen Kinos, wie A Serious Man oder The Unborn, stellen nur eine Oberfläche dar. Sie sind eine erste Strophe, ein Refrain, den jeder kennt, aber von welchem das restliche Musikstück in Unbekanntheit verweilt. Der Jüdische Filmclub Wien in Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria zauberte die anderen Liedzeilen in das Gedächtnis seines Publikums.
Die Retrospektive Stay Jewish – Vom Shtetl bis zur Lower Eastside darf sich aus zwei Gründen als sichtlich gelungen bezeichnen. Einerseits gewährte die Zusammenstellung gerade der Filme aus den 1930ern den Blick in, wie Dr. Klaus Davidowicz es nannte, „eine Welt, die es nicht mehr gibt“. Filme wie Dybbuk, Teyve und Bar Mitzvah, die teilweise vom Material, teilweise aber auch einfach in dem Kulturgedächtnis der Zuschauer als verschollen galten, sind bedeutende Zeitdokumente, welche eine Mentalität, eine untergegangene Lebens- und Kulturwelt offenbaren. So wie hinter eine Supermarktfassade ein jüdisches Vorkriegstheater gefunden wurde, kommt nun auch im Zelluloid eine Essenz zum Ausdruck, welche bedroht ist, von der Vergangenheit verschluckt zu werden. Stay Jewish konstruiert das kulturelle Gedächtnis neu und rückt ein verloren gegangenes Stück Geschichte erneut in den Kader.
Doch es wäre schändlich das jüdische Filmschaffen nur auf seinen Wert als Found Footage zu verdammen, welches unser Geschichtsbild neu ordnet. Die Werkschau ist nämlich weiters auch ein Re-Konstatieren eines Kulturschaffens in der Mentalität der Rezensenten. Die jüdische und jiddische Kultur ist ein lebendiges Objekt, welches zu gern als tot erklärt wird. Man konzentriert sich oft nur auf die Prä-Welt-Krieg-Phase des künstlerischen Arbeitns und übersieht zu gerne, dass diese Nische des Kulturschaffens immer wieder Fabelhaftes und Einzigartiges hervorbringt.
Somit bleibt zu hoffen, dass ein derartiges Festival wie Stay Jewish – Vom Shtetl zu Lower Eastside einem Publikum, jene verschollene Welt und jene lebendiges Universum näher rückt. Damit könnte möglicherweise der reißerische Rhythmik der Ohrwurm-Strophe dazu führen, dass man irgendwann das ganze Musikstück kennen lernen will.